Konkurrenz aus dem Netz
Ein Hörsaal, in den Zehntausende Studenten passen? Unmöglich - zumindest so, wie Hochschulen ihn bisher definieren. In einen virtuellen Hörsaal aber passen sie locker, ohne dass jemand auf dem Boden sitzen muss. Sebastian Thrun, Professor an der US-Universität Stanford, hat es im vergangenen Jahr mit seiner Onlinevorlesung vorgemacht - und damit die Traditionsuniversitäten aufgeschreckt. 160.000 Studenten aus 190 Ländern haben sie damals verfolgt.
Thrun, der nach seinem Onlineexperiment mit Udacity eine Plattform für Onlinekurse gegründet hat, gilt als Musterbeispiel für den grundlegenden Wandel der Hochschullandschaft. Die amerikanischen Unis hätten mit nicht weniger als einem "Tsunami" zu rechnen, sagte vor kurzem John Hennessy, Präsident in Stanford.
Etliche US-Universitäten unterrichten in ihren Onlineseminaren schon jetzt Millionen Studenten auf der ganzen Welt - kostenlos. Wo sonst nur genommen wird, wer harte Aufnahmetests besteht, reicht hier allein ein Internetanschluss. "Massive Open Online Courses" nennt sich das. Mit den Onlinekursen gehen die Hochschulen ein Wagnis ein, von dem sie nicht wissen, ob es überhaupt gutgehen kann. So ehrlich war vor kurzem die Präsidentin der US-Elite-Uni Princeton, Shirley Tilghman, in einem Interview. Denn wie sich die neuen Angebote auf ihr Geschäftsmodell mit fünfstelligen Studiengebühren im Jahr für Campusstudenten auswirken, wissen die Unis nicht.
Was sie aber wissen: Das Bildungsinteresse ist riesig, vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern, in denen schnelle Internetverbindungen völlig neue Möglichkeiten eröffnen. 14 Seminare listet Thruns Seite Udacity aktuell auf. Das sind keine Vorlesungen, sondern aufgemotzte Kurse mit Diskussionen, Übungen, Hausaufgaben und Tests. Die Elite-Universitäten Harvard und das Massachusetts Institute of Technology (MIT) zogen im Mai mit der Plattform Edx nach, die den Unis jeweils umgerechnet 23 Millionen Euro wert war. Mittlerweile sind auch Berkeley und Unis aus Texas dabei. Harvards Präsidentin Drew Faust feierte das als weiteren Schritt dahin, "mehr Menschen qualitativ hochwertige Inhalte zugänglich zu machen und gleichzeitig das Lernen online und im Hörsaal zu verbessern".
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