Das virtuelle Klassenzimmer
Der Unterricht von Barbara Glittenberg, Englischlehrerin am niedersächsischen Internatsgymnasium Esens, könnte demnächst etwas einsamer werden. Sie bespricht zwar im Klassenraum Texte, verteilt Aufgaben und stellt Schülern Fragen. Doch die sitzen etliche Kilometer entfernt - in einem Klassenzimmer auf einer ostfriesischen Insel. Glittenberg spricht in eine Kamera und sieht "ihre" Schüler auf einem großen Flachbildschirm. Beides gibt es auch im Klassenzimmer der Schüler - hier ist es nur ein bisschen voller. Auch, weil etliche Kamerateams diese Probestunde sehen wollten, die Glittenberg vor kurzem zum Start des Modellprojekts gab.
Nachdem sich Deutschlands Hochschulen an das Onlinelernen herangetastet haben, ziehen nun auch erste Schulen nach. In Bayern etwa bietet ein Abendgymnasium vier Schuljahre am heimischen Computer an, das niedersächsische Modellprojekt für die ostfriesischen Inseln wird von Februar den Unterricht in einigen Fächern verändern. Aus der Not geboren, könnten die Projekte Wegbereiter für mehr Onlinelernen an Schulen sein, eine Hilfe auch für die ländlichen Regionen Deutschlands, in denen Familien wegziehen und Schulen schließen.
Auf den Inseln in der Nordsee sind es Fachlehrer, die fehlen. Auf der einen gibt es den Physiklehrer nicht mehr, auf der anderen findet sich niemand für den Chemieunterricht. Die Klassen auf Borkum, Langeoog, Norderney oder Wangerooge sind klein - zum Teil zu klein, um alle Fächer etwa am Gymnasium oder der 10. Klasse für die Realschule anbieten zu können. Bisher bedeutete das für viele Kinder: lange Schulwege oder früh ins Internat Esens auf dem Festland, ein staatliches Gymnasium mit mehr als 1.000 Schülern, wovon rund 120 - fast ausschließlich Insulaner - auf dem Campus leben. Der Fernunterricht kann das ändern.
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